Warum ich für Diversität in Geschichten bin

Februarbeitragsübersicht

 

Hei, hallo und herzlich willkommen,

in Kanada und Amerika wird im Februar der Black History Month zelebriert. In diesem Monat lernen die Kinder und Jugendlichen, welchen Einfluss Afroamerikaner*innen auf die Geschichte hatten, welche zuvor eher ignoriert wurde. Auch in Deutschland findet der Gedanke immer mehr Anhänger*innen. Es werden Bücher von PoC Autor*innen gelesen und man macht sich mehr Gedanken zum Thema Diversität. Daher läute ich diesen Monat mit einem entsprechenden Beitrag ein.

Ursprünglich wollte ich mich nur auf die Hautfarbe konzentrieren. Doch letztendlich steht Diversität für das Leben selbst. Daher führe ich einen kleinen Rundumschlag durch. Sollte ich mich aber auf die Hautfarbe beziehen, werde ich die Kurzbezeichnung PoC verwenden. Diese steht für Person of Color bei einer Einzelperson oder für People of Color, wenn zwei oder mehr Personen gemeint sind.

Kurze Vorgedanken

Ursprünglich entstand der Beitrag aufgrund eines Threads bei Twitter. Eine Userin erläuterte, warum es einfach unrealistisch ist, queere Charaktere einzuführen. Daraufhin erwiderten viele andere User*innen, dass ihr Thread schlichtweg an der Realität vorbeiläuft. Daraufhin verfasste ich die erste Version meines Beitrages, wobei ich gestehen musste, dass ich nicht wusste, dass ich über Diversität und Inklusion schrieb. Für mich war und ist es selbstverständlich Charaktere mit den unterschiedlichsten Hintergründen in meinen Geschichten auftauchen zu lassen. Vermutlich so selbstverständlich, dass es mich immer wieder irritiert, wenn andere darüber Diskussionen führen.

Daher schauen wir doch einmal genauer hin.

Ein Blick in die Realität

Aktuell lebe ich in einer Großstadt und da kommen mir Menschen aus unglaublich vielen Ländern entgegen, Homosexuelle, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, mit seelischen Beeinträchtigungen und keine Ahnung wer noch.

Zugegeben, wie es in kleineren Städten oder Dörfern vor sich geht, darüber kann ich keine Aussagen machen. Dafür war ich zu wenig an solchen Orten. Aber häufig lese ich von anderen Menschen, dass es dort nicht so gemischt vor sich gehen soll, wie in Berlin. Und doch behaupte ich aus meinem naiven Elfenbeinturm, dass es auch dort sicherlich einige Menschen aus der Liste von oben gibt.

Mit anderen Worten, wenn wir vor die Tür treten, treffen wir zwangsläufig auf Menschen, die sich klar von uns unterscheiden. Das mag an der Hautfarbe liegen, an dem Kleidungsstil, an der Religion bzw. an der Weltanschauung oder an so vielen großen und kleinen Details.

Damit können wir klar sagen, wir leben in keiner homogenen Gesellschaft. Wir sind nicht einmal annähernd gleich und diese kleinen bis großen Unterschiede machen uns allesamt aus. Würden wir einen DNS-Test machen, kämen vermutlich bei sehr vielen von uns heraus, dass wir Gene aus ganz Europa und sogar Afrika haben dürften. Noch nicht einmal wir selbst sind homogen.

Ein Blick in die fiktionale Welt

Ganz ehrlich? In meiner ganzen Lesezeit kann ich mir nur an einziges Buch erinnern, in der eine „Be_hinderung“ eine Rolle spielte. Und zwar handelte es sich dabei um das Buch „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon. Ansonsten gibt es natürlich noch Dr. Charles Xavier und Barbara Gordon. Wobei man die beiden schon fast gar nicht mehr zählen kann, da die Zeichner*innen sie genesen lassen.

Homosexuelle Charaktere kommen da häufiger vor. Aber dann mit dem entsprechenden Label, dass es sich um eine Geschichte mit speziell solchen Charakteren handelt. Wenn in „normalen“ Büchern homosexuelle Charaktere auftreten, ist das eher selten und kann durchaus zu erstaunten Blicken oder gar zur Ablehnung führen. Letztens hab ich auf Twitter herausgefunden, dass in den Blockbustern gerade mal 1 Prozent der Charaktere homosexuell sind. Transsexuelle oder Intersexuelle und so weiter tauchen bisher immer noch nicht auf.

Als man erklärte, dass der Star Trek Charakter Sulu schwul ist, ging ein Aufschrei durch die Reihen der Fans. Selbst George Takei war nicht wirklich glücklich darüber. Letztendlich wurde nie über die Sexualität von Sulu gesprochen und zudem spielt diese keine große Rolle in der Geschichte (zumindest laut den Macher*innen). Jetzt könnte man sich beschweren, dass hier wieder mit aller Gewalt ein schwuler Charakter eingeführt werden muss (warum kein neuer lesbischer?). Andererseits, er ist schwul und es spielt keine Rolle (wie im Bechdel-Test durchaus gefordert, dass der Charakter die Rolle spielt und nicht die sexuelle Orientierung).

Das gilt auch für die Hautfarbe, also die Herkunft der Charaktere. Zumeist haben wir es mit weißen Figuren zu tun. Gelegentlich gibt es einen Quoten-PoC, zumeist afrikanischer Herkunft. Und tatsächlich hab ich Serien gesehen, da wird noch nicht einmal die Quote erfüllt (wie How I met your mother). Oder sie spielen lediglich die Außerirdischen oder Charaktere ohne Namen (zum Beispiel Stargate: Atlantis). Ansonsten kann man sagen, dass so gut wie alle Charaktere weiß sind und gelegentlich taucht mal ein PoC auf.

Aber ansonsten haben wir es eher in den Geschichten mit durchschnittlich schönen und vor allem gesunden Charakteren zu tun, die durch die Bank weg eher heterosexuell sind und Cis-Gender, zumeist männlich natürlich. Und bei aller Liebe hat das noch was mit der Realität zu tun?

Kurze Exkursion:

Eine Cis-Frau oder ein Cis-Mann sind Menschen, die ihr ganzes Leben mit dem Geschlecht identifizieren, welches auch in ihrer Geburtsurkunde steht. Zum Beispiel steht in meiner Urkunde, dass ich eine Frau bin. Und da ich mich nicht männlich fühle (meistens zumindest), bin ich eine Cis-Frau.

Wie ich oben schon geschrieben habe, müssen wir nur vor die Tür gehen und sehen unterschiedlichste Charaktere von realen Menschen. Von kleinen Kindern bis hin zu alten Menschen, die kaum noch laufen können. Alle sind dabei und alle gehören zu unserem Leben.

Können wir also sagen, dass die meisten Romane ein Abbild des realen Lebens sind? Ich würde ganz glatt sagen, eher nicht.

Kein richtiges Abbild der Realität in der Fiktion

Vor Jahren habe ich einen Kurs besucht, indem erklärt wurde, wie man einen Liebesroman schreibt. Dort hieß es, dass die Charaktere in diesen Liebesromane durchschnittlich zwischen zwanzig und dreißig Jahren sind. Als Erklärung führte die Leiterin an, dass sich die Leserinnen in der Heldin wiederfinden sollen. Und man hat die „heißeste“ Zeit der Liebe eben in diesem Alter erlebt bzw. wird es voraussichtlich erleben (also der Durchschnitt).

Daher wäre es natürlich fatal, will man einen breiten Markt bedienen, wenn man dicke Heldinnen einführt, oder ältere oder Heldinnen, die in einem Rollstuhl sitzen (um einige Beispiele anzuführen). Es gibt sicherlich solche Romane, aber ich könnte jetzt keine benennen. Sie sind zu wenige und sollen eher ein kleines Publikum ansprechen. Aktuell sind es Nischengeschichten.

Aber auch in Krimis oder anderen Romanen aus unserer Welt könnte ich keine Beispiele nennen, in denen Charaktere vom abweichenden Typ auftauchen. Und wenn, dann kann ich sie Dir an einer Hand abzählen, da bin ich mir sicher.

In Fantasyromanen ist das teilweise noch schlimmer. Dort sind alle gesund, stark und teilweise sogar in einem entsprechenden Alter zu finden. Und wenn sie älter sind, dann hat das nicht unbedingt große Auswirkungen auf das, was sie zu tun haben. Selbst wenn wir es mit dem weisen Mentor zu tun haben, der über einhundert Jahre ist. Er wird vielleicht nicht ganz so schnell sein, wie seine jüngeren Begleiter. Aber er ist in der Lage noch Berge zu besteigen, durch Flüsse zu laufen und einen Kampf zu führen. Alte Frauen tauchen selten bis gar nicht auf.

Was sagt das über uns Autor*innen aus?

Natürlich bedienen wir Autor*innen einen Markt. Darüber müssen wir uns im Klaren sein. Viele von uns schreiben das, was letztendlich gelesen wird. Und das ist häufig der gesunde, heterosexuelle, weiße Charakter. Sie oder zumeist er sieht zudem hübsch aus und im Oberstübchen sind noch alle Tassen zu finden.

Vermutlich kommt es vielen noch nicht einmal in den Sinn über einen Charakter zu schreiben, die oder der in einem Rollstuhl sitzt. Da fällt mir gerade Clara Sesemann ein (aus dem Roman „Heidi„). Sie darf in einem Rollstuhl sitzen, für eine gewisse Zeit. Und doch kommt sie aus dem Rollstuhl heraus. Oder auch Barbara Gordon (alias Batgirl), die in einem Rollstuhl sitzt. Zwischenzeitlich hat sich DC das jedoch anders überlegt und entlässt sie wieder aus diesem. Und eben Professor Charles Xavier, der ebenfalls geheilt wird.

Wenn also entsprechende Charaktere auftauchen, dann bleiben sie nicht lange in dem Zustand des Dickseins, der Krankheit oder Derartiges. Sie nehmen in Rekordzeit ab oder können bald wieder laufen.

Man könnte meinen, dass einige Autor*innen mutig sein wollen, aber nicht zu mutig. Sie wollen die reale Welt zeigen, aber sie darf nicht zu real sein. Immerhin möchte man die geneigte Leserin oder den geneigten Leser nicht vergraulen. Denn, wenn das reale Leben schon hart ist, möchte man dann das alles in einem Roman überhaupt lesen?

Andererseits kann man nicht auch sagen, dass nur ein kleiner Teil der Menschen repräsentiert wird, während alle anderen einfach nur ignoriert werden? Säße ich in einem Rollstuhl, ich würde mich in keinen der Romane wiederfinden. Und vielleicht möchte ich aber ein positives Vorbild haben?

Gerade junge Menschen benötigen dies, meiner Meinung nach, dringendst. Denn viele von ihnen hadern durchaus mit ihrem Schicksal (welche Jugendlichen hadern schon nicht mit ihrem eigenen Leben, obwohl bei ihnen alles perfekt ist?). Und dann haben sie noch nicht einmal positive Vorbilder. Zumindest hätte ich sie gerne als junges Mädchen gehabt. Heldinnen, die wenigstens ein wenig wie ich sind. Einfach um zu sagen, ich bin nicht allein.

Was wäre wenn …?

Was wäre also, wenn wir mehr Realität in die Geschichten holen würden? Wenn wir also mit Menschen in Rollstühlen zu tun hätten? Oder mit Menschen anderer Religionen und Hautfarben? Oder was auch immer?

Vermutlich könnte das geschehen, was Nike Leonhard schreibt. Es könnte die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Thema ablenken. Aber ich behaupte, dass es nicht daran liegt, dass diese Personen zu viel Aufmerksamkeit bekommen, sondern, weil es zu ungewöhnlich ist.

Triffst Du im realen Leben auf Menschen, die nicht dem allgemeinen Standard entspricht, ich bin mir sicher, Du schaust erst einmal genauer hin. Das ist völlig normal. Wir sind solche Bilder nicht gewohnt und es zieht erst einmal unsere Aufmerksamkeit auf solche Personen. Als ich einmal ein Mangamädchen in der U-Bahn getroffen habe, schaute ich auch erst einmal genauer hin. Denn das ist nun wirklich ein Anblick, den man nicht alle Tage erlebt. Doch dann akzeptierte ich es und konzentrierte mich wieder auf meine allgemeine Umgebung (ich wollte ja in die U-Bahn hinein).

Das dürfte vielleicht auch in den Romanen, Filmen und Serien eine Rolle spielen. Wenn wir dort mehr „normale“ Menschen sehen, dann könnte es auch Auswirkungen auf unser empfinden haben. Sehen wir sie regelmäßig, ist es schlichtweg normal. Warum sollte man sich dann noch Gedanken darüber machen?

Daher könnte es sich durchaus empfehlen, mehr Menschen in Deinen Geschichten unterzubringen, die sich von dem weißen, gesunden, heterosexuellen Menschen unterscheiden. Das ist durchaus eine Herausforderung. Aber seien wir doch ehrlich, ist das Leben nicht selbst eine Herausforderung? Und warum sollte ich mich als Autorin davor drücken?

Immerhin spielt die Herausforderung nur auf dem Papier. Mir als Person geschieht dabei nichts. Ich bleibe gesund, weiblich oder männlich und kann trotzdem meinen persönlichen Überzeugungen nachkommen. Aber auf dem Papier, da wage ich es eben, über andere Charaktere zu schreiben. Und ehrlich gesagt wäre das nicht ein wenig interessanter?

Meine Sicht der Dinge

In meinem aktuellen Roman kommen sehr viele PoC vor und eine Frau in einem Rollstuhl. Und es sei angemerkt, sie bleibt auch dort. Warum? Weil es mich durchaus ärgert, wenn in Geschichten immer eine heile Welt nachgestellt wird, die es so eigentlich gar nicht gibt. Es gibt natürlich Geschichten, in denen die Menschen einen eisernen Willen zeigen und tatsächlich den Rollstuhl verlassen können. Darüber will und werde ich nicht urteilen, denn das ist ein Fakt. Aber auf der anderen Seite gibt es Menschen, die das eben nicht können. Auch das ist ein Fakt.

Vor einiger Zeit hab ich eine Reportage über die Gangs in Amerika gesehen. Sie entstanden ganz von selbst ohne den Einfluss von außen. Irgendwann griff die Filmindustrie diese auf und zeigten ihr wahres Gesicht. Dadurch veränderte sich die Wahrnehmung der Menschen auf diese Gangs und auch diese veränderten sich. Und dann zeigten sie letztendlich das Gesicht, was man von ihnen hatte.

Meine Hoffnung ist, wenn wir die Welt zeigen, wie sie sein könnte, dass diese sich auch nach und nach dorthin verändert. Ob das klappt oder nicht, kann ich natürlich nicht sagen. Aber ich finde, wir sollten es einfach ausprobieren. Und zudem, wie ich schon öfters erwähnte, die Welt ist einfach bunt. Warum, bitte schön, sollten wir das nicht einfach mal zeigen?

Abschlussgedanken

Es mag sein, dass jetzt die Argumentation kommt, aber in meiner Geschichte passt kein Charakter von Typ XYZ. Darauf möchte ich entgegnen, dass das reale Leben sich dafür auch nicht interessiert. Dort kann es jederzeit passieren, dass man einen Unfall hat und im Rollstuhl landet. Man kann auch taub, stumm oder blind geboren werden. Weiter kann es passieren, dass man in einem Land geboren wurde, deren Bevölkerung größtenteils eine andere Hautfarbe oder Religion hat, als man selbst.

Das alles gehört zum Leben. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, könnte sich davon auch ein wenig in den zukünftigen Geschichten wiederfinden?

Zumindest würde ich mich sehr darüber freuen.

Alles Liebe

Deine frau schreibseele

frau-schreibseele

Mein Thema ist das geschriebene Wort. Das gilt sowohl für Romantexte als auch fürs Lettering, Sketchnote, Bullet Journals und was man noch schreiben kann. Aktuell arbeite ich an meinem ersten Roman, der 2018 veröffentlicht werden soll.

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