Über marginalisierte Gruppen schreiben: “Ich traue mich nicht.”

Hei, hallo und herzlich willkommen,

wer über marginalisierte Gruppen schreiben möchte, benötigt nicht nur Wissen, sondern tatsächlich auch eine Portion Mut.

Kurze Vorgedanken

Es gibt Menschen, die stürzen sich in ein neues Projekt und machen keine Gefangene. Dann wird über alles und jede*n geschrieben, wer ihnen unter die Feder kommt.

Andere hingegen sind da etwas vorsichtiger. Ist ihr Plot in Ordnung? Sind die Charaktere lebendig? Und vor allem, darf ich das überhaupt schreiben?

Über die Einstellung zur letzten Frage dreht sich der heutige Beitrag.

Keine Erfahrungen

Auf dem #litcampHH 2018 hatte eine Teilnehmerin ganz klar gesagt, dass sie einfach keine Erfahrungen mit marginalisierte Gruppen hat. Sie kommt von einem Dorf, wo über 90 Prozent der Menschen dort eben weiße Cis-Het Dudes sind. Wie könne sie dann wagen, über jemand anderen zu schreiben, als eben über weiße Cis-Het Dudes?

Ganz ehrlich? Mir ist eine solche Meinung lieber, als wenn man mit dem Kopf durch die Wand rennt und über alles schreibt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. In einem solchen Fall kann man durchaus damit rechnen, sollte sich die Teilnehmerin entscheiden, doch über marginalisierte Gruppen zu schreiben, sie mit mehr Respekt rangeht.

Schätze ich mich selbst als eine Person ein, die einfach zu wenig Kontakte mit marginalisierte Gruppen habe, sehe ich das als eine realistische Größe an. Mit anderen Worten, in einem solchen Fall kenne ich meine Grenzen. Und von daher bin ich vorsichtiger, wenn ich versuche diese zu übertreten.

Aber selbst wenn Du keine Menschen marginalisierter Gruppen kennst, bedeutet das noch lange nicht, dass Du nicht loslegen darfst. Es gibt immer Möglichkeiten.

Angst, etwas falsch zu machen

Wenn man über jemanden oder etwas schreibt, die oder das man nicht kennt, haben viele Angst, es falsch zu machen. Sie wollen sich nicht im Ton vergreifen und etwas schreiben, was andere verletzt.

In meinen Augen ist auch das erst einmal sehr löblich. Immerhin zeigt auch das, dass man sich Gedanken macht. Die Menschen möchten nicht durch die Wand preschen und auf Teufel komm raus, etwas schreiben. Sie machen sich Gedanken zu diesem Thema.

Jedoch finde ich, dass man keine Angst haben sollte. Angst lähmt und sorgt nur dafür, dass Du am Ende gar nichts mehr schreibst. Respekt sollte hier die richtige Antwort sein. Hab Respekt vor den Menschen, den Tieren, dem Leben selbst.

Natürlich kann es immer noch passieren, dass Du Dich in die Nesseln setzt. Vielleicht sogar ordentlich. Aber die Wahrscheinlichkeit dürfte geringer sein. Viel geringer, als wenn Du Dir gar keine Gedanken darum machst.

Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob der Text, den Du geschrieben hast, respektvoll ist, dann bitte sogenannte Sensitve Readers darum, diesen zu lesen. Sie kennen sich mit der Thematik bestens aus, weil sie häufig das leben, worüber Du schreiben möchtest.

Rede mit ihnen und Du wirst sehr viel erfahren, was Du vorher nicht wusstest. Zum Beispiel möchte ich eine Geschichte rund um eine Band schreiben (das ist jetzt nur ein Beispiel). Glücklicherweise hab ich in meiner Sphäre eine tolle Musikerin. Diese hab ich angefragt, ob sie für mich Zeit hat, um mir ein paar Fragen zu beantworten. Und glücklicherweise hat sie ja gesagt.

Bleib immer nett und höflich und sag offen, was Du möchtest und warum Du die Hilfe brauchst. Und wenn Du nicht weißt, wie Du die Menschen anschreiben sollst, dann schreib genau das. Entschuldige Dich in diesem Fall im Vorfeld, wenn Du selbst das Gefühl hast, dass Du die falschen Worte wählen könntest. Das ist besser, als wenn Du das tatsächlich tust und damit andere verletzt.

Ich will gar nicht über sie schreiben!

Tatsächlich hab ich einen Beitrag gelesen, in der die Verfasserin oder der Verfasser (daran kann ich mich leider nicht mehr genau erinnern) erklärte, warum die Person niemals über marginalisierte Gruppen schreiben würde.

Es ging bei der Argumentation nicht darum, dass die Person Angst hatte oder nicht wusste, wie sie*er das Thema angehen sollte. Schön wäre es. In dem Beitrag stand, dass die Person es nervig fand, dass scheinbar überall Diverse Romane aus dem Boden schossen.

Ganz ehrlich, in solchem Fall kann man nichts machen. Wenn Menschen sich weigern über den Tellerrand zu schauen, dann ist es halt so. Man kann ihnen nur anbieten, ihnen zu helfen. Büchertipps geben, ist auch noch möglich. Oder erklären, warum es wichtig sein kann. Aber ich würde nicht zu viel Energie in diese Diskussionen stecken.

In diesem Fall würde ich lieber meine Energie Personen schenken, die offen für dieses Thema ist. Und wo ich genau weiß, dass ich da etwas bewirken kann.

Abschlussgedanken

Eine kleine Portion Mut, ein Haufen Respekt und Kontakt mit Sensitive Readers und die Wahrscheinlichkeit ist gut, dass Du eine bessere Geschichte schreiben kannst. Natürlich neben Plot und Charakterarbeit und so weiter.

Daher, hab keine Angst vor dem, was Du gerne schreiben möchtest. Leg los und schau dann, dass ihr gemeinsam eine tolle Geschichte daraus macht.

Dabei wünsche ich Dir viel Spaß.

Alles Liebe

Deine frau schreibseele

frau-schreibseele

Mein Thema ist das geschriebene Wort. Das gilt sowohl für Romantexte als auch fürs Lettering, Sketchnote, Bullet Journals und was man noch schreiben kann. Aktuell arbeite ich an meinem ersten Roman, der 2018 veröffentlicht werden soll.

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