Wie könnte ich eine feministische Geschichte schreiben?

Hei, hallo und herzlich willkommen,

immer wieder wünschen sich Lesende, dass die Romane, die sie lesen, ein wenig feministischer sein könnten. Dabei reicht es nicht aus, einfach mal eine starke Frau in die Geschichte zu werfen (wobei sich die Frage stellt, was eine starke Frau überhaupt ist). Aber schauen wir uns mal an, mit welchen Elementen man eine feministischere Geschichte schreiben könnte.

Kurze Vorgedanken

Mir ist sehr wohl bewusst, dass für viele, sehr viele Leuten der Feminismus – gelinde gesagt – ein negatives Thema ist. Viele sind der Meinung, dass wir heutzutage keinen Feminismus mehr benötigen, immerhin haben wir ja die Gleichberechtigung erreicht. Warum sollte man also noch darüber diskutieren? Oder gar eine feministische Geschichte schreiben?

Um es kurz zu machen, wir brauchen heute mehr denn je den Feminismus. Allein wenn Du Dir diese Seite anschaust, dann sollte jede und jeder klar werden, es gibt immer noch viel zu tun. Und wenn Du der Meinung bist, das ist normal, dann muss sogar noch mehr getan werden.

Übrigens, im folgenden Beitrag werde ich durchgehend das generische Femininum verwenden, außer ich meine explizit eine reine Männergruppe. Ansonsten dürfen sich die Herren und alle anderen Menschen gerne und immer mitgemeint fühlen.

Was ist Feminismus?

An dieser Stelle möchte ich keine Abhandlung darüber halten, was der Feminismus ist. Dazu gibt es durchaus einige Seiten im Netz, welche Dich darüber fachkundig aufklären. Daher möchte ich Dir hier meine eigene Interpretation vorstellen. Sie ist nicht vollständig und vermutlich nicht unbedingt akademisch korrekt, aber für den Anfang reicht es sicherlich aus.

Den Feminismus sehe ich als ein Konzept, dass alle Menschen zu keinem Zeitpunkt benachteiligt werden sollen. Zuerst fing es bei den Frauen an, das stimmt. Das lag aber auch daran, dass früher in erster Linie Frauen sehr viele Nachteile hatten, die es zu überwinden galt. So durften sie ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes keiner Arbeit nachgehen. Er konnte sogar zu ihrem Arbeitgeber hingehen und kündigen, wenn er es für richtig hielt (oder Lust dazu hatte).

Weiterhin durften Frauen lange Zeit nicht wählen (während es bei Männern von vornherein feststand, dass es keine Gründe gab, die dagegen sprachen). Sie durften nicht über ihr eigenes Geld verwalten und so weiter und so weiter. Das waren einige Gründe, warum der Feminismus sich in erster Linie um die Frau gekümmert hatte. Denn sie brauchte anfänglich die Unterstützung, um in die Nähe der Rechte zu kommen, die ein Mann hatte.

Zwischenzeitlich sieht es etwas besser aus, was Frauen dürfen und was nicht. Und doch erzählte mir vor Jahren eine Kollegin, dass sie als IT-Systemkauffrau arbeiten wollte (der erste Beruf, den ich lernte). Sie wurde abgelehnt, weil sie als Frau aller höchstens Kaffee kochen könnte. Und ansonsten hätte sie in der Nähe von der Technik nichts zu suchen. Dazu sage ich mal nichts.

Zwischenzeitlich schauen auch viele Feministinnen genauer hin, wenn sich Nachteile gegen die Männer richtet (Sexismus würde ich es nicht nennen, weil dieser vom Mann ausgeht, daher kann er nicht sexistisch behandelt werden, genauso wie es keinen Rassismus gegen Weiße geben kann) richtet. Aber viele schauen genauer hin, wenn es um Rassismus oder Antisemitismus geht. Natürlich ist nicht jede Feministin automatisch perfekt. Und nicht alle kümmern sich um diese Themen oder sind so weit gekommen, dass sie sich auch den Mann betrachten. Aber das ist auch nicht möglich. Man kann nur schauen, wo man selbst helfen kann. Und alle anderen dann so weit unterstützen, wie man es eben schafft. Und dann den Rest den anderen überlassen.

Warum feministische Geschichten?

Natürlich könnte man jetzt sagen, es reicht, wenn man sich theoretisch mit dem Feminismus beschäftigt. Oder im Rahmen von Fachtexten oder Sachbüchern. Doch häufig fehlt uns das Feingefühl, was wirklich feministisch ist und was nicht. Manchmal denke ich, dieses Thema geht ja eigentlich in Ordnung. Und einige Zeit später stelle ich fest, dass es dem doch nicht so ist. Es ist sexistisch, rassistisch oder was auch immer.

Wenn man andauernd mit sexistischen Themen – um dabei zu bleiben, – regelrecht bombardiert wird, fällt es schwer, dieses als solche zu erkennen. Daher ist es durchaus wichtig, dass man darauf hingewiesen wird, wenn ein Thema eben sexistisch ist. Oder von vornherein gesunde und starke Rollenbilder präsentieren.

Denn ich bin der festen Überzeugung, wenn wir mit positiven Rollenbildern konfrontiert werden, dann sind wir eher in der Lage diese zu verinnerlichen. Ansonsten identifizieren wir uns eher mit den negativen Vorbildern. Und das halte ich persönlich für ungesund.

Lass uns eine feministische Geschichte schreiben

Vielleicht sagst Du Dir jetzt, ich möchte zumindest versuchen, eine entsprechende Geschichte zu schreiben. Daher sind hier ein paar Vorschläge, die Du dabei berücksichtigen kannst.

Die widerwillige Heldin

Sehr häufig scheinen Autorinnen zu denken, dass ihre Heldinnen gar keine Heldinnen sein wollen. Also müssen sie ihren Widerwillen brechen und dafür Sorgen, dass sie ins Abenteuer gescheucht werden.

Katniss Everdeen ist solch eine widerwillige Heldin. In „Die Tribute von Panem“ geht sie nicht freiwillig ins Abenteuer, sondern opfert sich. In diesem Fall für die Familie. Nein, es ist nichts Schlechtes daran, dass ihr die Familie so wichtig ist, dass sie für ihre kleine Schwester in den Tod geht. Aber es ist auch typisch weiblich. Eine Frau opfert sich für die Familie, um dann Teil der Geschichte zu werden.

Manchmal hab ich aber das Gefühl, dass man Frauen keine Abenteuerlust zuspricht. Meistens wird ihnen irgendeinen Grund zugesprochen, damit sie ihre gewohnte Umgebung verlassen, um ins Abenteuer zu gehen.

Hier eine sehr gute Nachricht, dies ist nicht notwendig. Es darf ab und an gerne sein, dass Deine Heldin sich opfert, um jemanden anderen das Leben zu retten. Aber sie darf auch so ins Abenteuer gehen und dort entdecken, wer sie ist und vor allem, was sie alles kann.

Weiblichkeit ist kein Problem, dafür die Misogynie

Sehr häufig wird in den Geschichten es so dargestellt, dass die Weiblichkeit per se schlecht ist. Dabei ist nicht diese das Problem, sondern die Misogynie.

Frauen werden häufig auf gewisse Themen stark reduziert. Unter anderem, dass sie zu gerne Schuhe kaufen oder Kleidung. Sie treffen sich, um zu reden, nein, natürlich tratschen sie nur. Oder haben andere Interessen, welche eben als typisch weiblich gelten.

Wenn Frauen sich mit diesen Themen beschäftigen oder gar identifizieren, wird es häufig in negativer Art und Weise getan. Und das eigentlich nur, weil es Frauen interessant finden. Das kannst Du daran erkennen, dass Männer, wenn sie sich ebenfalls für diese Themen interessieren, häufig absurd dargestellt werden.

Doch nicht der Umgang mit diesem Dingen durch die Frau ist das Problem, es ist die Ansicht darüber. Also die Misogynie ist hier das Ärgernis. Denn es werden so gut wie alle männlichen Themen als für wichtiger erachtet, als die der Frauen. Das kannst Du daran erkennen, dass reine Männerberufe besser bezahlt werden, solange keine Frauen in diesen arbeiten. Arbeiten mehr Frauen in diesen Berufen, werden diese automatisch schlechter bezahlt.

Willst Du ein bestimmtes Frauenthema beschreiben, dann tue es gerne, aber eben neutral und respektvoll. Nur weil eine Frau gerne einkaufen geht, ist das nicht als negativ zu bezeichnen. Genauso wie das lackieren von Fingernägeln. Sobald es aber lächerlich dargestellt wird, weil Männer so etwas nie machen würden, haben wir meistens ein Problem.

Die heilige Jungfrau

Aus irgendwelchen Gründen sind Jungfrauen in Geschichten ziemlich heiß begehrt. Entweder die Frauen hatten schon Ewigkeiten keinen Sex mehr gehabt (in Geschichten für Erwachsene, was sie irgendwie über drei Ecken wieder zur Jungfrau macht) oder sie sind noch echte Jungfrauen (zum Beispiel bei Young Adult Geschichten). Das macht den Wert der Frau aus, zumindest in diesen Geschichten.

Man hat das Gefühl, dass Frauen noch so doof sein können, sind sie aber Jungfrauen, sind sie mehr Wert als ihre beste Freundin. Dabei könnte sie einen IQ von 256, die Menschheit mehrere Male gerettet und ein Heilmittel gegen Krebs, AIDS und Dummheit erfunden haben. Ist sie keine Jungfrau, ist sie nichts wert – auch wenn ich das überspitzt hier darstelle.

Frauen sind mehr, als ein Jungfernhäutchen und ob sie mit einem oder mehreren Kerlen geschlafen hat. Es wäre also schön, wenn man sie nicht darauf reduzieren würde. Denn es geht nicht nur um ihre Sexualität, sondern auch, wie sie damit umgeht. Und das wäre schön, wenn sie es selbstbestimmt und selbstbewusst tut. Denn auch Frauen dürfen Spaß im Bett haben, ohne das sie mit Mr. Right ins Bett geht.

Frauen sind automatisch Feindinnen

Aus irgendwelchen Gründen glauben viele, zumeist Männer, wenn Frauen aufeinandertreffen, dann gibt es zwei Dinge, über die Frauen sich unterhalten:

  • über Männer
    und
  • wie Frauen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen können.

Wenn Frauen aufeinandertreffen, dann stecken sie ihr Revier ab und überprüfen dann, wie sie die Gegnerin fertigmachen können. Das ist mir letztens auch bei Doctor Who aufgefallen. Rose Tyler traf auf eine ältere Begleiterin des Doctors. Und sofort haben sie sich angezickt. Sie mussten sich erst erinnern, dass das absolut lächerlich ist, aber das war der erste Schritt, wie prügeln uns um den Doctor (um den Mann der Geschichte).

Es wäre echt schön, wenn zwei Frauen aufeinandertreffen und sie sich respektvoll begegnen könnten. Sie streiten sich nicht um einen Mann oder sind erbitterte Feindinnen. Frauen dürfen gerne Vertraute sein, Freundinnen oder einfach nur Kameradinnen. Frauen müssen sich nicht automatisch verstehen oder automatisch ablehnen. Sie können auch einfach nebenher existieren.

Über körperliche Belange schreiben

Was sich hier so abgehoben liest, bedeutet ganz einfach: Wie oft hast Du über das Thema Menstruation gelesen?

Jetzt, wo ich darüber nachdenke, hab ich wohl nur ein einziges Mal über eine Frau gelesen, die ihre Menstruation hatte. Und das Buch war von einer Feministin geschrieben worden. Ansonsten scheinen die Personen in den Geschichten, die theoretisch einmal im Monat die Monatsblutung haben könnten, dies nicht zu haben.

Oder die Geschichte findet immer dann statt, wenn sie gerade ihre Monatsblutung hinter oder vor sich haben. Was für ein Zufall.

Die Menstruation, das körperliche Unwohlsein und diese Dinge gehören auch dazu. Lass Deine Charaktere ruhig mal Binden kaufen oder über die Menstruationstasse nachdenken. Und warum soll sie nicht auch die Menstruation haben? Das gehört dazu, dann schreib ruhig darüber.

Du willst feministische Geschichten schreiben? Dann sei eine Feministin!

Natürlich musst Du keine Feministin sein, um feministische Texte zu schreiben. Immerhin musst Du auch keine Mörderin sein, um einen Krimi zu verfassen. Aber in diesem Fall hat es durchaus einige Vorteile. Denn wer sich mit der Materie beschäftigt, hat einen ganz anderen Zugang dazu.

Du wirst eher sehen, welche Themen wichtig sind, wie Du sie angehen kannst und warum etwas sexistisch ist und etwas anderes nicht. Denn Du beschäftigst Dich mit der Materie und kannst dies dann auch in Deinen Geschichten entsprechend einbringen.

Zudem bekommst Du sicherlich noch die eine oder andere Idee für Deine nächste Geschichte. Denn die ganzen Probleme im Feminismus könnten Dich dazu bringen, darüber nachzudenken und aufzuzeigen, wie man es besser schreiben kann.

Abschlussgedanken

Wir sind noch lange nicht soweit in einer gleichberechtigten Gesellschaft zu leben. Vor einigen Monaten hatte ein Radiomoderator (!) tatsächlich gesagt, dass ein Ton (Achtung!) behindert klingen würde. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Und ja, daraufhin gab es auch eine kritische Mail von mir.

Doch nicht nur die Verwendung solcher Wörter ist kritisch zu betrachten und abzulehnen. Sondern auch die ewigen Klischees (können Frauen einparken, alle Frauen lieben es, Schuhe zu kaufen, nein, tun sie nicht), die letztendlich zum Sexismus führen. Und so weiter und so fort. Daher finde ich es wichtig, solche Geschichten zu schreiben.

Du hast aber sicherlich gesehen, dass kein Vorschlag dazu führen soll, Männer zu hassen oder sie auszuschließen. Es gibt sie natürlich, die Feministinnen, die Männer hassen. Es gibt auch genügend Männer, die Frauen hassen. Und daran stören sich nicht unbedingt viele Leute.

Feministische Geschichten ermöglichen es, dass Du eine andere Form von Geschichten veröffentlichst. Und vielleicht, ja wirklich vielleicht, sind sie sogar stärker als das, was wir aktuell zu lesen bekommen.

Auf alle Fälle würde ich mich über Deine Texte freuen und wünsche Dir beim Schreiben viel Spaß.

Alles Liebe

Deine frau schreibseele

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