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Was ist Sensitive Reading (nicht)?

Hei, hallo und herzlich willkommen,

wenn Du Dich in der sogenannten Buch-Bubble befindest, wirst Du vermutlich über das sogenannte Sensitive Reading gestolpert sein. In meinen Augen ist das Thema wichtig. In anderen ist das reine Zensur.

Kurze Vorgedanken

Nehmen wir mal an, Deine Heldin soll einen Schlaganfall haben. Vermutlich wirst Du recherchieren, wie dieser abläuft, was dabei verletzt werden kann und welche Auswirkungen ein solcher auf Deine Heldin haben wird. Dabei kann es passieren, dass Du lernst, dass sogar ungeborene Babys Schlaganfälle haben können.

Eventuell wirst Du noch eine medizinisch ausgebildete Person fragen, ob Deine Recherchen richtig sind. Immerhin möchtest Du sicher gehen, dass Du den Schlaganfall korrekt beschreibst und darstellst.

Doch wenn Dein Held ADHS hat, dann siehst Du vermutlich einen zornigen Jungen, der Tische umwirft, laut brüllt und wie wild um sich schlägt.

Die aktuelle Situation

Das oben genannte Beispiel wurde in abgeänderter Form öfters auf Twitter gebracht, wenn es über den Sinn und Unsinn von Sensitive Reading diskutiert wird. Nur mit anderen Themen.

In der Literatur wurde schon immer über andere Menschen geschrieben. Menschen mit Behinderungen, Menschen mit anderen Geschlechtern, Menschen mit anderen Hautfarben und so weiter.

Jedoch haben sich viele, zu viele von ihnen keine Gedanken gemacht, ob sie diese Personengruppen korrekt darstellen. Damit meine ich, dass viele Autor:innen nur denken, sie wüssten wie es ist, zum Beispiel in einem Rollstuhl zu sitzen. Aber sie haben nie mit einer Person im Rollstuhl geredet. Oder sich gar selbst in eines gesetzt.

Wieder ein Beispiel: Dein Charakter hat einen schweren Unfall und sitzt im Rollstuhl. Vielleicht war die Figur vorher im Profisport. Und nun muss xier im Sitzen alles verrichten. Schlimmstenfalls schreibst Du, dass dieser Charakter unter der Situation leidet.

In solchen Fällen gehen die Personen davon aus, dass die Person leiden muss. Immerhin kann xier ja nicht mehr laufen, nicht mehr Sport machen und was auch immer. Daher muss xier doch leiden. Alles andere wäre doch nicht vorstellbar.

Hier die große Überraschung: Tatsächlich leidet nicht jeder Mensch darunter, wenn xier nicht der Zwangsjacke der gesellschaftlichen Normen entspricht. Es kann zu einem Leidensdruck kommen, wenn sie sich anpassen müssen. Aber tatsächlich kommen viele mit ihrer Situation klar.

Wenn Du diese Gedankengänge hast, dann kann es durchaus sein, dass ein Sensitive Reading notwendig ist.

Was ist nun Sensitive Reading?

Sensitive Reader:innen sind keine Leute, die sich mit einem Thema besonders gut auskennen. Sie sind Menschen, die mit dem Thema leben. So könnte eine Person im Rollstuhl sitzen, die nächste ein:e BIPoC oder selbst AHDS sein.

Sie, bzw. wir leben damit teilweise schon ein ganzes Leben lang. Und unser Wissen stammt nicht aus Büchern oder sonst woher. Das Wissen stammt aus unseren Erfahrungen.

Das macht uns zu Lebensexpert:innen, die Wissen haben, welche Du niemals aus einem Buch herausarbeiten wirst. Denn dieses Wissen wirst Du häufig da nicht finden.

Senstive Reader:innen sind die Expert:innen in ihrem Leben. Und viele von ihnen sind bereit, Dir zu helfen.

Was bedeutet das für Dich als Autor:in?

Du kannst natürlich über alles Schreiben, was Dir in den Sinn kommt. Auch wenn es wünschenswert ist, wenn bestimmte Personengruppen nicht über bestimmte Themen schreiben. Dazu zählt ganz vorne Diskrimminierungserfahrungen, welche eine Personengruppe erfährt, weil sie zum Beispiel BIPoC sind, transgender und so weiter.

Ansonsten helfen Dir die Sensitive Reader:innen Deine Bücher nicht nur diverser zu gestalten, sondern auch verschiedene -Ismen abzubauen. Denn Fakt ist, wir können nicht alles wissen, was zu den -Ismen gehört. Wir leben in einer Welt, in der sogar in Schulbüchern Rasissmus gelehrt und weiter verbreitet wird (leider kein Witz).

Aber viele Menschen, die sich mit ihren Themen auseinandersetzen und wissen, wie sie sind, können Dir helfen. Sie schauen sich Deine Geschichte an und werden Dich auf Deine möglichen -Ismen (wie Rasissmus oder Sexismus, etc.) aufmerksam machen. Und Dir häufig auch zeigen, wie Du diese Sache lösen kannst.

Man könnte sie als Lektor:innen bezeichnen, die sich auf ein Thema konzentrieren. Und gemeinsam könnt ihr dann die Lösung für die Darstellung bestimmter Gruppen erarbeiten.

Ist das nicht Zensur?

Einzelpersonen und sogar größere Blogs haben Sensitive Reading als Zensur bezeichnet. Viele kriegen sofort Schnappatmung, weil sie denken, dass sie nicht mehr schreiben können, was sie wollen.

Oder anders ausgedrückt: Sie fühlen sich beleidigt, weil sie nicht mehr die Deutungshoheit haben, wie ein Mensch in ihrer Vorstellung zu sein hat. Denn dieser Mensch merkt an, dass die Darstellung in einem Roman nicht korrekt ist. Und sie erheben ihre Stimme und merken an, dass sie nicht richtig dargestellt fühlen.

Sensitive Reading ist keine Zensur. Denn es zwingt Dich niemand, jemanden zu engagieren, Deine Geschichte von ihnen durcharbeiten zu lassen. Es ist freiwillig. Und Du kannst damit immer noch alle Geschichten schreiben, die Du möchtest.

Nur musst Du damit rechnen, dass Du kritisierst wirst, wenn Du die Menschengruppen falsch darstellst. Oder -Ismen verbreitest, die nicht mehr sein müssen.

Vielleicht solltest Du, wenn Du das Gefühl hast, es ist eine Zensur, es nicht als solche zu empfinden. Sieh es als Chance an, dass Du eine bessere Geschichte schreiben kannst. Vor allem werden es die entsprechenden Lesenden dies Merken und ansprechen.

Sensitive Reading: Eine Chance auf mehr Diversität

Sensitive Reading bezieht sich nicht nur auf die Texte, sondern können auch weitergehen. So zum Beispiel die richtige Darstellung der Charaktere auf dem Cover, um ein Beispiel zu nennen.

So hab ich hier einen Roman einer afroamerikanischen Autorin, welcher ins deutsche übersetzt wurde. Die Heldin selbst ist BIPoC. Trotzdem ist die Figur auf dem Cover eine weiße Frau.

Wenn dieser Verlag ein:e Senstive Reader:in gebeten hätte, das zu prüfen, wäre sicherlich ein anderes Bild als Cover genommen worden. Somit denken die Lesenden, es geht um eine weiße Frau als Heldin. Zudem findet keine Repräsentation statt. Dabei geht es in dem Buch um was völlig anderes.

Sie zeigen Dir und allen Interessierten, was möglich ist. Dadurch können Geschichten und auch Cover diverser werden, bunter. Und es entstehen andere Geschichten, die vorher nicht erzählt wurden. Ist es nicht das, was viele von uns wollen?

Abschlussgedanken

Sensitive Reading bedeutet nicht, dass Du nicht schreiben kannst, was Du willst. Es gibt keine offizielle Institution, die jedes Buch liest und es auf einen Index packt, nur weil es unnötige -Ismen verbreitet.

Sie bedeuten aber eine Möglichkeit, dass Du als Autor:in andere Geschichten schreiben kannst. Und vor allem Diverser.

Mehr Informationen findest Du auf dieser Webseite.

Auf eine diverse Buchwelt.

Alles Liebe

Deine frau schreibseele

2 Kommentare

  1. Thomas

    Bittee, was ist denn ein “Buch-Bubble”? Kenne den Begriff leider nicht.
    Ansonsten schöner, hilfreicher Artikel.

    • frau-schreibseele

      Hallo Thomas,

      danke für Deinen Kommentar.

      Die Buch-Bubble ist ein Kreis von Menschen, die sich eher unbewusst zusammenschließt, um über das Thema Buch, Schreiben oder deren Inhalte redet bzw. schreibt. Häufig vernetzen wir uns mit Menschen, die ähnliche Interessen verbinden. Und damit entsteht eine Blase. Diese gibt es im Grunde genommen überall. Also eine Gamer-Bubble oder auch eine Auto-Bubble. Bubble von der Blase.

      Liebe Grüße
      frau schreibseele

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