Gay Fiction

Gay Fiction

Hei, hallo und herzlich willkommen,

wenn die meisten von uns an homosexuelle Charaktere in Geschichten denken, dürfte es sehr wahrscheinlich sein, dass man sich darunter einen schwulen Mann vorstellt. Das dürfte unter anderem wohl daran liegen, dass Gay Fiction am weitesten verbreitet ist. Das ist auch der Grund, warum ich die Reihe mit ihnen beginne.

In dem heutigen Beitrag möchte ich darauf eingehen, was ich unter Gay Fiction verstehe, wie man das schreiben kann und vor allem, was man beachten sollte, um keine Klischees zu schreiben.

Kurze Vorgedanken

Gay Fiction oder auch Yaoi Geschichten waren lange Zeit in Japan durchaus sehr populär, bis diese dann nach Amerika (insbesondere die U.S.A.) rüberschwappten und nun auch in Deutschland angekommen sind. Wenn man von Gay Fiction schreibt, meinen viele häufig Gay Romance, also eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern.

Dabei ist das tatsächlich noch nicht einmal notwendig. Denn nicht jede Geschichte mit einem schwulen Charakter, muss automatisch ein Liebesroman sein. Aber das schauen wir uns nun etwas genauer an.

Kurze Vorbemerkung: Es mag sein, dass viele, gerade im englischsprachigen Raum, unter der Bezeichnung auch Lesben verstanden werden. Aber ich mache hier ganz klar eine Trennung. Einerseits, um sowohl den Männern, als auch den Frauen den ihnen gebührenden Platz zu widmen. Andererseits, weil ich häufig mitbekomme, dass viele unter Gay abwechselnd was anderes verstehen. Die einen meinen damit tatsächlich nur die Männer und nach belieben meinen sie auch mal Männer und Frauen. Bei mir werden Lesben eben nicht mitgemeint, sie werden direkt angesprochen.

Aus diesem Grund trenne ich beides voneinander. Und da ich mich hier nur auf die Männer beziehe, verwende ich, sicherlich nachvollziehbar, auch nur männliche Pronomen. Außer ich meine ganz klar Frauen.

Was verstehe ich unter Gay?

Unter der Bezeichnung Gay verstehe ich selbst, dass mindestens ein Charakter in der Geschichte, und zwar der Held persönlich oder ein anderer sehr wichtiger Charakter, sich als schwul definiert. Dabei reicht es tatsächlich für mich aus, dass der Held bzw. der Charakter für sich definiert, dass er eben schwul ist. Dies muss er nicht öffentlich machen (das berühmte Coming-out) oder andauernd mit anderen Männern schlafen. Seine Gedanken in entsprechender Richtung reicht aus.

Vor Jahren habe ich einen Ratgeber gelesen (es ging um die lesbische Sexualität), dass die persönliche Definition wichtiger ist, als die gesellschaftliche. Das bedeutet, dass Dein Charakter durchaus auch mit Frauen (oder mit wem auch immer) ins Bett gehen kann. Wie er sich definiert ist das Wichtigste dabei.

Und was unter Gay Fiction?

Jede Geschichte mit einem schwulen Charakter. Damit hat es sich für mich erst einmal erledigt.

Natürlich gibt es gewisse Unterscheidungen. In einigen Geschichten dreht es sich eben nur um den schwulen Charakter. In anderen Geschichten spielt seine Sexualität überhaupt keine Rolle. Aber jede Geschichte mit einem wichtigen schwulen Charakter, gehört in meinen Augen zu diesem Bereich. Gerne als Untergenre. Aber es gehört für mich dazu.

Für einige mag es vielleicht keinen Sinn machen, über einen schwulen Charakter zu schreiben, wenn dieser keine Beziehung eingeht. Aber seien wir mal ganz ehrlich. Nur weil jemand schwul ist (oder lesbisch oder bisexuell), bedeutet das noch lange nicht, dass er automatisch eine Beziehung eingehen muss. Oder am laufenden Band Sex haben.

Wenn Du über einen schwulen Charakter schreiben möchtest, ist er genau das, schwul. Das war es schon. Er kann Single sein, One-Night-Stands haben (mal mehr oder mal weniger), in einer Beziehung sein oder diese ist gerade in die Brüche gegangen. Daher ist die Frage, ob er eine Beziehung hat, erst einmal nicht wichtig.

Natürlich kannst Du schreiben, dass er in einer Beziehung steckt oder zumindest auf der Suche ist. Aber das ist nicht unbedingt notwendig.

Wie schreibe ich Gay Fiction?

Es geht im Folgenden nicht darum, wie Du eine Geschichte schreibst. Mir ist es wichtig darauf hinzuweisen, was eine Geschichte mit heterosexuellen Charakteren von einer Geschichte mit schwulen Charakteren unterscheidet. Ansonsten herrschen hier die gleichen Regeln, die Du bei einem Roman anwenden würdest. Also Aufbau, Spannung, Dialog und diese Dinge.

Der Charakter

Wenn Du eine Geschichte mit einem schwulen Charakter schreiben möchtest, brauchst Du natürlich auch diesen. Mindestens ein männlicher Charakter muss auf andere Männer stehen. Ansonsten können wir die Geschichte in einem anderen Genre einordnen.

Egal wie Du anfängst (also erst mit dem Plot oder mit den Charakteren), hier ist es tatsächlich wichtig, dass er schwul ist und sich als solcher irgendwie definiert. Dabei ist es egal, ob er sich seiner eigenen Homosexualität tatsächlich bewusst ist. Aber er sollte zumindest auf Männer stehen und sie sexuell attraktiv finden. Natürlich wäre noch ein zweiter schwuler Charakter wichtig, wenn Du über eine Beziehung schreiben möchtest. Doch Vorsicht, hier können einige Klischees warten.

Tatsächlich scheinen einige Autor*innen die Paare so anzulegen, als wäre einer der Mann und der andere die Frau in der Beziehung. Mit anderen Worten, bei manchen Geschichten hat man das Gefühl, dass ein heterosexuelles Paar beschrieben wird, bei dem beide zufällig schwul sind. Das Problem hierbei ist, dass selbst bei heterosexuelle Paare die Rollen nicht immer klar definiert sind.

Traditionell ist es ja so, dass der Mann das Geld verdient und die Frau zu Hause bei den Kindern bleibt. Das ist aber schon lange nicht mehr so. Frauen arbeiten außerhalb des Hauses und gelegentlich verdienen sie sogar mehr als die Männer. Kann man da noch von traditioneller Rollenverteilung sprechen? Bei einigen Beziehungen sicherlich. Aber schon lange nicht mehr alle sind so aufgebaut.

Daher wäre es schön, wenn Du kein Klischeepaar schreibst. Denn jeder Mensch ist anders. Warum sollte es bei schwulen Menschen auf einmal anders sein?

Wenn Du Dir nicht sicher bist, frag mal in den sozialen Medien, ob sich jemand Deine Charakterisierung anschauen möchte. Sicherlich kann Dir wer helfen, ob Du realistische Charaktere geschaffen hast oder Klischees bedienst. Oder noch besser, trau Dich und frag direkt nach, ob sich Schwule Deine Geschichte anschauen mögen. Klar, das kostet eine Menge Überwindung. Aber sie können Dir genau sagen, was ihnen gefällt und wie sie dargestellt werden möchte.

Das ist besonders dann wichtig, wenn Du auf Realismus setzen möchtest.

Die Geschichte

Theoretisch unterscheidet sich eine Geschichte mit schwulen Charakteren nicht von der, mit heterosexuellen Charakteren. Die einzige Ausnahme dürfte sicherlich die Coming-out Geschichten sein. Heterosexuelle müssen sich in unserer Gesellschaft nicht outen, weil man von den Menschen erwartet, dass sie erst einmal auf das andere Geschlecht stehen.

Sobald man von dieser Norm abweicht, verlangen viele irgendwo eine Klarstellung. Bist Du nun schwul oder nicht? Und wenn ja, dann bricht meistens die Hölle aus (warum auch immer).

Und theoretisch müssen sich Schwule immer wieder outen. Zuerst gegenüber den Eltern und der Familie. Dann gegenüber allen Freund*innen. Und immer und immer wieder gegenüber Menschen, die sie neu kennenlernen.

Die Umwelt

Wie reagieren die anderen Menschen (oder über welche Wesen Du auch immer schreiben möchtest), auf die Homosexualität Deines Charakters? Das kann auch noch ein sehr wichtiger Punkt bei Deiner Geschichte sein.

Vielen könnte es sehr wahrscheinlich egal sein, ob Dein Held schwul ist oder nicht. Andere hingegen könnten zumindest neugierig sein. Woher weiß er, dass er schwul ist, wann hat er es für sich herausgefunden? Und so weiter. Theoretisch könnte die Umwelt daraufhin sehr viele Fragen stellen. Ob das höflich ist oder nicht, dass hingegen ist eine andere Sache.

Natürlich gibt es auch, welche Deinem Charakter dann das Leben zur Hölle machen. Warum? Das ist Dein Job dies für Deine Charaktere herauszufinden. Warum das in der Realität so ist? Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich wissen will. In Deiner Geschichte kannst Du solche Typen gerne verwenden. Sie dürften sehr wahrscheinlich in der Lage sein, Deinem Helden das Leben sehr schwer zu machen. Und eventuell könnte das auch Plottwists bedeuten, damit die Geschichte die eine oder andere Wendung bekommt.

Genres

Theoretisch kannst Du Deinen schwulen Charakter in jedem Genre unterbringen. Es mag sein, dass der Liebesroman aktuell sehr beliebt ist. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass es hier enden muss. Natürlich kannst Du Deinen Charakter in fantastische Welten schicken, zu den Sternen oder einen sehr blutigen Mord aufklären lassen. Es gibt nichts, was Dein Charakter nicht kann oder darf.

Du allein entscheidest die Grenzen für Deinem Charakter. Mein Tipp ist, lass Deine Fantasie ruhig freien Lauf. Dann wirst Du schon sehen, zu was er alles in der Lage ist. Daher möchte ich schon gar nicht weiter darauf eingehen. Denn jedes Genre, dass Du gerne liest oder in dem Du gerne schreibst, darf gerne auch ein schwuler Charakter rein. Warum auch nicht?

Erotik und Sex

Erotik und Sex machen Spaß. Wenn Dein Charakter nicht asexuell ist, dürfte das auch für ihn gelten. Aber bei Schwule scheint es prinzipiell zu sein, dass sie kein Problem mit Analsex haben oder mit Oralsex. Dabei sieht die Realität durchaus anders aus.

Vor Jahren bin ich über einen Ratgeber gestolpert, der erklärte, wie man den schwulen Partner dazu bringt, Analsex zu mögen. Mit anderen Worten, nicht alle mögen es. Das kann auch für Deinen Charakter gelten. Wenn Du eine Frau bist und eine Beziehung zu einem Mann hast, frag ihn doch mal, ob er auf Analsex stehen würde. Ihr müsst das ja nicht in der Praxis ausüben, aber wahrscheinlich würde ihm das nicht unbedingt gefallen.

Und nur, weil Dein Charakter schwul ist, heißt das noch lange nicht, dass er wirklich alles mitmacht, nur weil es irgendwelche Konventionen das verlangen. Er ist ein Charakter mit individuellen Eigenschaften. Das kannst Du dann gerne berücksichtigen.

Sollten Frauen über Schwule schreiben?

Das ist die ewige Frage, die man wohl nicht völlig beantworten kann. Dürfen Männer über Frauen schreiben, Frauen über Männer oder eben Frauen über schwule Männer. Es gab letztes Jahr eine große Diskussion zu diesem Thema. Eben, ob Frauen über schwule Männer schreiben dürfen oder diese als Sexobjekte degradieren.

In meinen Augen ist es durchaus legitim, dass Frauen über Schwule schreiben, solange dies mit Respekt geschieht. Versuche Klischees zu vermeiden wie, alle Schwule stehen andauernd auf Sex, alle wollen gleich Analsex, ein Mann ist die Frau und der andere der Mann und so weiter. Dann kannst Du tatsächlich etwas komplett Neues erschaffen.

Wenn ich etwas aus meinem eigenen Schreiben gelernt habe, ist, sei kritisch. Sei einfach gegenüber allem, was bisher geschrieben wurde kritisch. Und auch gegenüber dem, was Du selbst geschrieben hast. Dann wirst Du auch etwas besonderes schaffen. Da bin ich mir sicher.

Abschlussgedanken

Vermutlich kanntest Du einige dieser Informationen bereits. Vielleicht haben Dich einige andere hingegen zum Nachdenken gebracht. Wichtig ist, dass Du jedes Thema, das nicht Dich selbst repräsentiert, mit einer gehörigen Portion Respekt angehst. Dann kannst Du diese Sache komplett anders angehen. Und damit auch etwas besonderes schaffen. Halt die Augen offen und schau genau hin. Du wirst es nicht bereuen.

Dabei wünsche ich Dir viel Erfolg.

Alles Liebe

Deine frau schreibseele