Dürfen Weiße über PoC schreiben?

Februarbeitragsübersicht

Hei, hallo und herzlich willkommen,

immer wieder stolpere ich, gerade in letzter Zeit, über Diskussionen, über was bestimmte Gruppen schreiben sollen oder was nicht. So gibt es Beiträge, warum Frauen nicht über Schwule schreiben sollen oder warum es albern wird, wenn Männer über Frauen schreiben. Auf der anderen Seite sehen einige Gruppen nicht ein, sich einschränken zu lassen, weil sie Spaß daran haben, bestimmte Geschichten zu schreiben. Oder weil sie etwas zu sagen haben.

Der heutige Beitrag bezieht sich zwar in erster Linie auf die Hautfarbe. Aber theoretisch können viele der Argumente, die ich hier aufführe, auch auf viele andere Genres und Gruppen bezogen werden.

Kurze Vorgedanken

Letztes Jahr habe ich per Zufall erfahren, dass es dir Reihe Liliane Susewind gibt und diese auch verfilmt werden soll. In dieser Reihe geht es um ein rothaariges Mädchen, welche mit Tieren sprechen kann. Ihr bester Freund ist Jesahja, der als hübsch und besonders intelligent beschrieben wird. Das Besondere an ihm ist, dass sein Vater aus Afrika kommt (bei seiner Mutter bin ich mir gerade nicht sicher). Das bedeutet, wir haben es hier mit einem PoC Charakter zu tun. Zwischenzeitlich werden ihr Geschichten auch verfilmt.

Warum ich das erwähne? Weil in der Verfilmung auf die Hautfarbe von Jesahja (der nun Jess genannt wird) keine Rücksicht genommen wurde. Anstelle eines PoC Jungen für die Rolle zu casten, hat man einen weißen Jungen genommen. Und die Ausreden, nun ja, die lass ich einfach mal so stehen. Gerade in Deutschland ist der Umgang mit Diversität in Serien und Filmen noch nicht sonderlich ausgeprägt. In den USA wird zumindest die eine oder andere Quote erfüllt. Gelegentlich dürfen sogar ältere Frauen mitspielen. Doch in Deutschland?

Daher finde ich es wichtig, dass wir uns zumindest theoretisch mit diesem Thema auseinandersetzen sollten. Schreib ich über PoC, schreib ich über einen Charakter im Rollstuhl oder einem transsexuellen Charakter? Schauen wir uns mal einige mögliche Argumente an und dann wird es Zeit eine erste Entscheidung zu treffen.

Was spricht dagegen?

Keine Erfahrung mit Rassismus

Was ist jetzt erst einmal Rassismus? Dazu kann ich Dir den Wikipedia-Beitrag empfehlen. Denn schon die Einleitung ist sehr erhellend. Kurz gesagt bedeutet Rassismus, dass eine Gruppe von Menschen mit bestimmten Eigenschaften aufgrund ihrer Rasse sich als höherwertig ansieht, im Gegensatz zu einer anderen Gruppe von Menschen. Damit meine ich folgendes Beispiel: in den meisten Fällen sehen sich weiße Menschen als höherwertig als zum Beispiel Menschen, mit Wurzeln aus Afrika.

Doch dabei wird nicht nur die eigene Gruppe als höherwertig betrachtet, sondern die andere als minderwertig eingestuft und diese teilweise sogar angegriffen und getötet. So gut wie immer ist die Verteilung so, dass von den Weißen die Aggression ausgeht und die PoC die Opfer sind. Vielleicht gibt es Fälle, dass Weiße aufgrund ihrer Hautfarbe angegriffen werden. Aber ich muss gestehen, dass ich über einen solchen Fall noch nie gelesen habe. Und vermutlich hätten die Medien das definitiv ausgeschlachtet.

Es gibt sogar Menschen, die davon sprechen, dass es keinen Rassismus gegen Weiße geben kann. Denn Rassismus dient zur Erhaltung der aktuellen Machtstruktur und der Definitionsgewalt. Und die geht nun einmal von den Weißen aus. Um genau zu sein, sogar von dem weißen, heterosexuellen, Cis-Mann.

Da der Rassismus von Weißen ausgeht und sich gegen PoC richtet, können sie also nie erfahren, wie es ist vom Rassismus betroffen zu sein. Dies ist nicht dem Gefühl zu vergleichen, wenn man als weiße Person durch eine Gegend läuft, die von PoC bewohnt ist. Das mag unangenehm sein, dies dient aber nicht zum Erhalt der Macht.

Letztes Jahr hab ich einen Beitrag über afrikanische Geschäftsfrauen gesehen. Dabei erzählte eine von ihnen, dass sie erniedrigt wurde, weil sie nicht weiß genug aussah. Weder mit dem Haar, noch mit der Haut. Und dieses Mobbing ging von ihren afrikanischen Lehrer*innen aus, weil dort immer noch der Gedanke herrscht, dass Weiß gut ist. Zwar hat sie sich von diesen Gedanken – glücklicherweise – befreien können. Aber ich find es erschreckend, dass diese Gedanken immer noch vorherrschen.

Da von den Weißen die Definitionsmacht und die Macht ausgehen, sind sie die Verursacher und Nutznießer von Rassismus. So sehen das zumindest die meisten, die sich mit diesem Thema sehr intensiv auseinandersetzen. Alle anderen hingegen sind Opfer von Rassismus. Daher können wir als Weiße niemals nachempfinden, was es bedeutet, Opfer von Rassismus zu sein. Auch wenn es durchaus einige Gruppen gibt, die durchaus der Meinung sind, dass es sehr wohl Rassismus gegenüber Weiße gibt.

Weiße bekommen die Aufmerksamkeit

Wenn Weiße über PoC schreiben, bekommen sie die Preise. So empfinden es sehr viele, sowohl PoC, als auch Weiße selbst. Warum das so ist, darüber könnten wir sicherlich sehr lange diskutieren. Aber ich kann mir vorstellen, dass es auch damit zu tun hat, dass von den Weißen wieder die Definitionsmacht ausgeht, weniger, weil sie allesamt bessere Autor*innen sind.

Weiße schreiben über PoC, da muss man doch aufmerksam sein, weil sie natürlich eine ganz andere Sicht auf die Dinge haben. Und dementsprechend muss man ihnen natürlich auch die Aufmerksamkeit und letztendlich auch die Preise zugestehen (Achtung, das war natürlich Ironie).

Da kann man sicherlich verstehen, dass PoC Autor*innen es nicht gerne sehen, wenn man den Vorteil genießt, über sie zu schreiben, aber nicht die Nachteile erlebt. Also den Vorteil aus der sicheren Entfernung über PoC zu schreiben und die Aufmerksamkeit zu genießen, aber nicht die künstlich erschaffenen Nachteile am eigenen Leib erleben zu müssen (Rassismus).

In einem englischsprachigen Beitrag hab ich mal gelesen, dass PoC es völlig in Ordnung finden, wenn man einen PoC als Nebencharakter einbaut, aber eben nicht als Hauptfigur. Zumindest solange nicht, wenn man selbst Weiß ist.

Reproduktion von Klischees

Wenn wir über andere Volksgruppen denken, denken sehr viele von uns nicht in Menschen, sondern in Klischees. Im Folgenden möchte ich ein paar Klischees auflisten:

  • Alle Russen trinken Wodka,
  • alle Japanerinnen kichern vor sich hin,
  • Indianer sind alle weise,
  • Deutsche essen Eisbein und Sauerkraut.

Leider ist es so, dass diese Klischees von vielen nicht hinterfragt, sondern weitergetragen werden. Es mag sein, dass Klischees mal auf einer Tatsache entstanden ist. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie automatisch für alle Mitglieder dieser Gruppe gilt. Doch häufig ist es so, dass man diese verwendet, wenn man über ein Mitglied der Gruppe schreibt.

Als Außenstehende haben wir aber nicht zwangsläufig den Einblick, was denn nun wahr sein könnte und was billiges Klischee ist. Denn wir werden nicht jeden Tag damit konfrontiert. Und schlimmstenfalls tragen wir zu der Reproduktion der Klischees weiter. Für mich nicht gerade ein erstrebenswertes Ziel.

Was spricht dafür?

Alles andere ist auch möglich

Heutzutage schreiben Frauen über Männer, Männer über Frauen, Erwachsene über Kinder, Menschen über Tiere, Frauen über Schwule und so weiter und so fort. Auch wenn einige sich darüber beschweren, wird dies im Großen und Ganzen doch akzeptiert. Doch spätestens bei der Hautfarbe reißen auf einmal alle die Hände hoch und sagen, bis hierhin und nicht weiter.

Als Begründung werden die beiden Punkte angeführt, dass es eine Anmaßung einer anderen Kultur ist. Und zudem, dass wir nicht wissen, wie es ist, Opfer von Rassismus zu sein. Doch man kann im gleichen Atemzug aufführen, dass ein Mann niemals erfahren wird, wie es ist eine Frau zu sein. Oder eine Frau wird niemals wissen, wie es ist sich als schwul zu outen.

Daher kann man die Argumentation aus dieser Perspektive als eher schwach betrachten. Wir werden niemals in der Haut eines Aliens oder ein Roboter sein. Trotzdem schreiben wir über sie, als wäre das absolut normal. Gehen wir respektvoll sind, können wir auch das Thema Hautfarbe aufnehmen.

Klischees aufbrechen

Wenn ich mich mit einem Thema auseinandersetze, dann recherchiere ich normalerweise dazu. Das bedeutet auch, dass ich herausfinden sollte, mit welchen Klischees ich zu tun haben könnte. Diese können und vor allem sollten sie hinterfragt werden. Warum heißt es denn, dass die indigenen Völker Amerika allesamt weise und edel sein sollen? Woher kommt dieses Klischee? Und trifft dies tatsächlich auf alle zu?

Wenn man über ein Mitglied der indigenen Völker Amerikas schreibt, kann man natürlich die ganzen Klischees aufwärmen und ungefragt verwenden. Oder man hinterfragt sie, bricht mit ihnen, und/oder zeigt einen Charakter, der rein gar nichts mit dem Bild zu tun hat, was die meisten von uns im Kopf haben dürften. Das kann natürlich irritieren. Geh auch davon aus, dass es bei vielen so ist. Aber Du kannst damit die Klischees aufbrechen und zeigen, wie es auch anders geht.

Damit hast Du die Möglichkeit Deiner Geschichte eine neue Dimension hinzuzufügen. Und zudem tust Du noch was Gutes, wenn Du People of Color von einer völlig neuen Seite zeigst. Ganz nebenbei wirst Du Dir sehr wahrscheinlich auch noch eine gewisse Aufmerksamkeit sichern können, weil Du damit auffällst. Denn mit Klischees brechen kann schon irritierend sein, weil wir nun einmal der festen Überzeugung sind, dass PoC so sind, wie wir es uns vorstellen. Ist es dem nicht so, dann stutzen wir uns schauen genauer hin.

Es ist Zeit dafür

Vor einiger Zeit hab ich mal ein Zitat gelesen, der sehr bezeichnend für das ist, was gerade stattfindet. Leider hab ich mir den nicht abgespeichert, daher werde ich den hier sinngemäß wiedergeben.

Diversität in Geschichten bedeutet nicht, dass eine begünstigte Gruppe sich erbarmt über eine nicht begünstigte Gruppe zu schreiben. Es bedeutet nur, dass Richtige zu tun.

Diese Zusammenfassung sagt schon alles aus. Nur weil ich zufällig in eine Gruppe hineingeboren wurde, die sehr viele Vorteile genießen kann (bis auf einige viele Ausnahmen), bedeutet das nicht, dass ich gnädigerweise über andere Gruppen schreibe. Es ist einfach etwas, was man macht, weil es richtig und auch wichtig ist.

Eine Entscheidung

Die wirst Du von mir nicht bekommen. Dafür entschuldige ich mich. Es ist nur so, dass Du das mit Dir selbst ausmachen musst, ob Du über PoC (oder anderen Gruppen) in Deinen Geschichten schreiben willst oder nicht. Zumal ich Dir jetzt schon garantieren kann, dass Du es sowieso falsch machen wirst.

Wenn Du über diese Gruppen schreibst, dann wirst Du von denen und anderen schräg angesehen. Tust Du es nicht, ist es genauso. Egal was Du machst, Du machst es falsch. Daher kann ich Dir nur raten, mach es so, wie es sich für Dich richtig anfühlt.

Hier möchte ich Dir noch ein oder zwei Tipps mitgeben, wenn Du über sie schreiben möchtest.

Zeig Respekt

Damit ist schon alles gesagt. Du willst über jemand anderen schreiben? Dann zeig einfach Respekt. Ein Charakter ist keine Anwandlung von Klischees, sondern die Grundlage für einen Menschen (auch wenn das einige Autor*innen anders sehen mögen). Denn dieser Charakter wird sich idealerweise in die Herzen Deiner Leser*innen einschleichen und dort ein gewisses Eigenleben entwickeln. Daher kann ich Dir nur empfehlen, da so viel Mühe und Respekt zu zeigen, wie es nur möglich ist.

Recherche, Recherche, Recherche

Wenn Du etwas über eine bestimmte Gruppe wissen möchtest, gibt es zwei Wege. Die theoretische Recherche als Vorarbeit. Und dann das direkte Gespräch. Letzteres ist zwar nicht immer möglich, aber sollte trotzdem auf Deiner Liste stehen. Aber vermute hier nichts, sondern arbeite Dich ruhig ein wenig durch das Internet und find heraus, was auch immer Du wissen möchtest und musst.

Abschlussgedanken

Egal wie Du Dich in dieser Hinsicht entscheidest, wichtig ist nur, dass Du für Dich selbst klar machst, warum Du diese getroffen hast. Und dann auch zu ihr stehen kannst. Dann hast Du eine ganz andere Haltung zu diesem Thema und kannst auch ganz anders argumentieren.

Dabei wünsche ich Dir viel Erfolg.

Alles Liebe

Deine frau schreibseele